Heiß wird diskutiert, wo man Jugendliche als Zielgruppe von Werbung noch erreicht. Während aktuelle Studien belegen, dass junge Leute noch aktiv oder regelmäßig Fernsehen schauen, sind wir anderer Überzeugung.

 

Himmel und Hölle der sozialen Netzwerke

Jeder Stern ist eine Plattform. Und überall dort sind wir — ich, Charles, spreche jetzt mal für meine Generation — unterwegs.

Wir wollen auf Snapchat sehen, was unsere Freunde machen. Wenn wir Werbung sehen, die uns nicht innerhalb von maximal einer Sekunde interessiert, wischen wir weiter. Wir schauen uns Snapchat Discover an, um auf dem Pausenhof so tun zu können, als hätten wir uns sonderlich viel mit unserer Außenwelt auseinandergesetzt und haben Snapchat-Streaks, um nach 100 Tagen Spam so einen coolen Emoji hinter dem Namen des Empfängers stehen zu haben.

Die YouTube-Sternchen, Social-Media-Stars und Influencer sind die Idole unserer Zeit. DieLochis sind die Backstreet Boys von damals — jedoch in glaubwürdig, nahbar und es besteht die Möglichkeit, dass sie einem irgendwann mal auf einen Tweet antworten oder einen Instagram-Post liken, auf welchem wir sie markiert haben. Wir konsumieren die Inhalte der Influencer, weil wir sie als Person oder / im Besten Fall und den Inhalt, den sie produzieren, absolut abfeiern. Wir können uns mit ihnen identifizieren und suchen Dinge, die wir eventuell mit ihnen gemeinsam haben.

Wir wollen keine Werbung sehen. Die nervigen Werbeanzeigen, wir auf Instagram in unserem Feed sehen und in der breiten Masse manchmal aus Versehen leiten oder plötzlich in den App Store weitergeleitet werden, weil wir auf irgendeinen komischen Link gekickt haben, sind für uns nur dann relevant, wenn sie glaubwürdige Markenbotschafter in sich haben. Fanta ist cool, weil Julien Bam am Anfang von fast jeder Fanta-Werbung sitzt, die auf YouTube, Facebook oder Snapchat augespielt wird. Wir trinken aber trotzdem lieber Cola, weil Dner mehrere Jahre lang bei einem Format von Coca Cola dabei gewesen ist und man sogar die Möglichkeit hatte, ihn zu treffen.

Wenn wir den Fernseher anmachen, dann nur, weil mal wieder die Crew der Longboardtour in der Wiederholung bei stern TV zu sehen ist oder weil gerade Shirin David Teil der Jury bei DSDS geworden ist — warum sollte wir auch wann anders? Wenn die Werbung im TV losgeht, checken wir einfach kurz 10 Minuten ab, welche Stories zu der Sendung meine Freunde schon auf Snapchat hochgeladen haben oder welche Tweets unter dem Hashtag gesendet wurden. Selbst, wenn wir was verpassen — auf YouTube haben wir jede Art von Video-Content, die wir brauchen, sogar mit (vermeintlich) weniger Werbung und auf Knopfdruck — wo, wann und wie wir wollen. Es müssen nur die drei Balken oben erscheinen, damit wir das neue Video von Bibi sehen können und mit der Außenwelt verbunden sind.

Wir sind so große Fans der Influencer, dass wir ihnen fast alles abkaufen. Natürlich finden wir Mert nicht mehr cool, weil er Aussagen veröffentlicht hat, die andere Menschen beleidigt haben (absolut uncool, genauso wie Cybermobbing!), aber Leon verzeihen wir seine dummen Streiche trotzdem und können nicht widerstehen, wenn er uns dazu aufruft, einen Daumen hoch da zu lassen.

Dieser “Brief” sollte mal einen kleinen Eindruck darüber verschaffen, wie sehr wir mit den sozialen Netzwerken verbunden sind und dass für uns als Markenbotschafter nicht mehr Christoph Maria Herbst relevant sind, sondern die Influencer des großen weiten Social Webs. Natürlich ist es naiv, diesen Leuten die meisten Fehler zu verzeihen oder Nachrichten nur noch oberflächlich in der Filterblase von Snapchat zu konsumieren — aber es ist die Aufgabe der Verlage und Werbetreibenden, sich dort einzumischen. Denn als Jugendlicher hat man nicht mal mehr die Tagesschau-App auf dem Handy — oder zumindest die Push-Benachrichtigungen deaktiviert.